Dr. Renate Becker

Psychotherapie, HP, DVG, ECP

 

Einzel- und Paartherapie
Supervision Coaching Organisationsberatung

in Deutsch und Englisch

Biographie

Renate Becker, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin und Gestalttherapeutin

HP (Heilpraktiker),
DVD (Deusche Vereinigung für Gestalttherapie),
ECP (European Certificate for Psychotherapy)
Seit 2002 Mitglied bei PATH (Association of English Speaking Psychotherapists in Berlin)
Von 1985 Bis 1995 Dozentin am German Department der University of Warwick, GB,
bis 2002 associate partner von Rose Consulting Europe,
langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift GESTALTTHERAPIE,
Lehrbeauftragte am Gestalt Institut Frankfurt
Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen

 

Angebot

 

Einzel- und Paartherapie
Supervision Coaching Organisationsberatung

Schwerpunkt: Frauen in Führungspositionen
Supervision
Einzel- und Teamsupervision
Teamentwicklung

 

Referenzen (Auswahl)

 

Supervision bei unterschiedlichen sozialen Trägern in Berlin
(Berliner Starthilfe, Berliner Aidshilfe, Frauenhäuser und Beratungsstellen, Kriseneinrichtungen etc.)

Organisationsberatung und Teamentwicklung

Jamba Berlin
Bremer Recycling
Levi Strauss Europe
(Schwerpunkt: berufliche Potentialdiagnose nach SHL)
Sender Freies Berlin

 

Veröffentlichungen

 

Eine Auswahl
 Inszenierungen des Weiblichen: 
Die literarische Darstellung weiblicher Subjektivität in der westdeutschen Frauenliteratur der siebziger und achtziger

Ethik der Differenz

Paartherapie und unerfüllter Kinderwunsch

Gender
Weibliche Identität

Plädoyer für die sexuelle Differenz

A Plea for sexual Difference (Plädoyer für die sexuelle Differenz)

Ich bewege mich zwischen den Kulturen (Ein Briefwechsel)

Liebesbilder oder: Bilder Machen ist Körper Töten

Ethik der Differenz - Rezension

Die Wiederkehr des Anderen

Renate Becker nennt ihr Buch Ethik der Differenz. 

Der Titel ist Programm, doch erst
im Verlauf der fast zweihundert Seiten wird deutlich, wie weit der Begriff der Differenz
hier reicht. Es geht um Frauen und Männer, um Körper und Bilder, um Eltern und
Kinder, um Therapeut und Patient, um Individuum und Gesellschaft – schließlich aber
immer um dieselbe Frage: Was geschieht, wenn der Andere nicht mehr als Anderer
wahrgenommen wird, sondern zum Gegenstand unserer Vorstellungen,
Zuschreibungen und Interessen wird?


Ethik der Differenz. Zur politischen Perspektive der Gestalttherapie ist deshalb nur
auf den ersten Blick ein Fachbuch über Gestalttherapie. Tatsächlich bewegt sich
Renate Becker durch Philosophie, Literatur, Psychoanalyse, Soziologie,
Kulturgeschichte und therapeutische Praxis. Kassandra, Antigone und Eros treten
ebenso auf wie Freud, Foucault, Bourdieu, Judith Butler, Martin Buber, Emmanuel
Lévinas und Kant; Ingeborg Bachmann, Christa Wolf, Elfriede Jelinek und Kafka
stehen neben Fallgeschichten aus der psychotherapeutischen Praxis.


Diese ungewöhnliche Spannweite könnte leicht auseinanderfallen. Sie tut es nicht.
Denn die einzelnen Texte verbindet eine gemeinsame Denkbewegung: die Kritik an
jeder Form der Reduktion.


Das beginnt im ersten Teil mit der geschlechtlichen Differenz. Becker rekonstruiert,
wie die abendländische Kultur das vermeintlich Allgemeinmenschliche vielfach mit
dem Männlichen identifiziert und die Frau zum Anderen gemacht hat. Dabei geht es
ihr ausdrücklich nicht darum, an die Stelle männlicher Wesensbestimmungen
weibliche zu setzen. Im Gegenteil: Gerade solche Umkehrungen blieben der alten
Logik verhaftet. Das Weibliche erscheint bei ihr nicht als feststehende Essenz,
sondern als Verfahren, als Möglichkeit, Eindeutigkeiten zu unterbrechen und
verdrängte Differenz wieder sichtbar zu machen.


Von dort führt ein konsequenter Weg zum Körper. Immer wieder kehrt das Buch zu
der Frage zurück, was geschieht, wenn der wirkliche, endliche, verletzliche Körper
hinter Bildern von ihm verschwindet. In den Essays über Liebe und Körperlichkeit
wird dies besonders eindringlich. Der optimierte Körper, der virtuelle Körper, der
Körper als Projekt und Ware scheint unbegrenzt verfügbar. Gerade darin geht jedoch
jene Erfahrung verloren, die für Becker Voraussetzung wirklicher Beziehung ist: dass
weder der eigene Körper noch der Andere vollständig verfügbar sind.


Hier gewinnt der Begriff der Differenz seine existentielle Bedeutung. Beziehung
beginnt nicht dort, wo der Andere meinen Vorstellungen entspricht, sondern dort, wo
er aus ihnen heraustritt.


Besonders stark ist das Buch, wenn theoretische Überlegungen und therapeutische
Erfahrung ineinandergreifen. Die Kapitel über Angst, Familie, Missbrauch und
Paartherapie zeigen, wie individuelle seelische Strukturen in Beziehungen entstehen
und wie tief gesellschaftliche Normen in ihnen wirksam bleiben. Becker verweigert
dabei zwei gleichermaßen bequeme Erklärungen: Weder wird das Individuum zum
bloßen Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse noch werden strukturelle Probleme in
persönliche Defizite umgedeutet.

Gerade daraus entwickelt sich die politische Dimension des Buches.
Eine seiner stärksten Thesen lautet, dass moderne Gesellschaften dem Individuum
zunehmend die Verantwortung für Belastungen aufbürden, deren Ursachen
strukturell sind. Der Arbeitslose, der Überforderte, der Ängstliche, der Depressive
erlebt sein Scheitern als persönliches Versagen, obwohl seine Lebensbedingungen
von ökonomischen und gesellschaftlichen Kräften geprägt werden, die er allein kaum
beeinflussen kann. Die Ideologie der Selbstverwirklichung kann so in ihr Gegenteil
umschlagen: Jeder darf alles werden – und ist deshalb vermeintlich selbst schuld,
wenn er es nicht wird.


Gestalttherapie erhält vor diesem Hintergrund eine politische Bedeutung, ohne
politische Therapie zu werden. Sie soll keine Weltanschauung verordnen. Ihre
politische Kraft liegt gerade darin, Wahrnehmung wiederherzustellen: Was geschieht
mit mir? In welcher Beziehung geschieht es? In welchem Feld? Welche
Machtverhältnisse wirken darin? Welche Verantwortung ist meine – und welche
nicht?


Damit gelangt Becker im letzten Teil ihres Buches von der Psychotherapie zur Ethik.
Martin Bubers Ich-Du-Beziehung und insbesondere Emmanuel Lévinas’ Denken des
Anderen werden dabei zu entscheidenden Bezugspunkten. Der Andere soll nicht
verstanden werden im Sinne des Ergriffen-, Eingeordnet- und Verfügbar-Machens. Er
bleibt einer, der meiner Erkenntnis Grenzen setzt. Diese Grenze ist keine Niederlage
des Verstehens, sondern Voraussetzung einer ethischen Beziehung.
Von hier aus lässt sich auch verstehen, weshalb Becker schließlich auf Kant
zurückkommt. Die moderne Feier individueller Freiheit reicht ihr nicht aus. Freiheit
ohne Selbstbegrenzung, Rechte ohne korrespondierende Pflichten,
Selbstverwirklichung ohne Verantwortung für andere führen gerade nicht zu größerer
Autonomie, sondern können in Vereinzelung, Konsumismus und Gleichgültigkeit
münden. Die Frage „Was soll ich tun?“ gewinnt deshalb neue Aktualität.


Gerade die weit gespannten historischen und kulturkritischen Bögen gehören zu den
produktivsten Seiten dieses Buches. Wenn Becker etwa die Entwicklung von Schrift
und abstraktem Denken mit Körperwahrnehmung und Geschlechterordnung
verbindet oder Digitalisierung und virtuelle Kommunikation vor dem Hintergrund einer
langen Geschichte der Entkörperlichung liest, überschreitet sie bewusst die Grenzen
einzelner Disziplinen. Dabei stützt sie sich unter anderem auf die Arbeiten Christina
von Brauns und Dietmar Kampers und führt deren Überlegungen in eine eigene,
gestalttherapeutische Perspektive weiter. Gerade diese Verbindungen machen
sichtbar, was innerhalb spezialisierter Betrachtungsweisen leicht getrennt erscheint.
Und darin liegt vielleicht seine besondere Qualität. Renate Becker schreibt als
Therapeutin, aber ebenso als Literaturwissenschaftlerin und politisch denkende
Zeitgenossin. Sie trennt diese Perspektiven nicht künstlich voneinander. Literatur ist
bei ihr kein Bildungsschmuck, Philosophie kein theoretischer 
Überbau und therapeutische Erfahrung kein bloßes Anschauungsmaterial. 
Sie korrigieren und erweitern einander.


Am Ende führt das Buch deshalb zu einer überraschend einfachen, aber keineswegs
einfachen Einsicht: Menschen können sich nur als Einzelne erfahren, weil sie auf
andere angewiesen sind. Autonomie und Abhängigkeit sind keine Gegensätze.
Freiheit entsteht nicht durch die Beseitigung des Anderen, sondern dort, wo dessen
Freiheit mitgedacht wird.


Das ist der politische Kern dieser Ethik der Differenz.
In einer Gegenwart, die Beziehungen zunehmend nach Effizienz, Nutzen,
Verfügbarkeit und Verwertbarkeit organisiert, verteidigt dieses Buch Körperlichkeit,
Ambivalenz, Verletzlichkeit und das Recht des Anderen, anders zu sein. Darin ist es
zugleich ein Buch über Gestalttherapie und eines, das weit über sie hinausweist.
Seine schönste Selbstbeschreibung steht im Schlusswort: Es lädt „nicht zur
Zustimmung, sondern zur Beteiligung“ ein. Genau das tut dieses streitbare, kluge
und ungewöhnliche Buch.


K.Boeser

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